Silos gehören nur in die Landwirtschaft

Das Denken in Abteilungen, die nach einem regelrechten Feudalsystem eingerichtet sind, ist ein Relikt aus alten Zeiten.

Silos machen in der Landwirtschaft Sinn, in Unternehmen dagegen nicht.

Die Denkweise gibt es leider in noch viel zu vielen Unternehmen: Es gibt einen feudalen Herrscher, genannt Abteilungsleiter, der sehr darauf bedacht ist, dass in seiner Abteilung alles nach Plan läuft — nach seinem Plan versteht sich. Was andere Abteilungen machen, interessiert ihn meistens wenig und soll am besten auch die anderen in der eigenen Abteilung nicht interessieren. Andere Abteilungen werden schließlich von anderen Herrschern dirigiert und kontrolliert. Jedem sein eigenes Reich.

Das hat in der Vergangenheit auch ganz gut funktioniert. Manche meinen sogar, dass ein solches Denken und Handeln sogar das Wir-Gefühl stärke. Also „wir“, die eigene Abteilung und „die“ in anderen Abteilungen. Und dabei sind freilich „wir“ auch die Clevereren, Besseren und Engagierteren, die wissen, was richtig und falsch ist. „Wir“ sind die, die die Maßstäbe setzen oder zumindest setzen sollten. In einem solchen Klima und vor allem in einer solchen Struktur werden Ideen und Lösungen naturgemäß nur selten abteilungsübergreifend diskutiert. Doch warum eigentlich nicht? Nachvollziehbar ist das ja schließlich nicht, zumal eben nicht die Abteilung das Maß aller Dinge ist, sondern vielmehr das Unternehmen. Ist das eventuell eine Generationenfrage? Sind es die älteren Führungssemester, die traditionell so denken? Oder geht da vielleicht auch die Angst um, dass die eigenen Ideen von jemand anderen geklaut und dann für sich selbst genutzt werden könnten? Ist solch eine Angst begründet, die dann zumindest ein derartiges Silodenken erklären könnte? Aber wem nützt das am Ende? Ein Unternehmen muss schließlich als Ganzes vorankommen. Am Ende machen ja nicht, „der Einkauf“, „das Marketing“, „der Vertrieb“ oder „die Produktion“ Umsatz und Gewinn, sondern die Firma als solches. Und idealerweise hat jeder Einzelne und jede Abteilung seinen Beitrag zum Gesamtergebnis geleistet.

“Die interne Abgrenzung ist am Ende dem Kunden egal.“

Und auch der Geschäftsführung könnte sie egal sein, wenn es ums Große und Ganze geht. Schädlich aber wird es, wenn durch die Silos Innovation, Kommunikation und letztlich eine gemeinsame Kultur gefährdet wird. Und das Risiko, dass das über kurz oder lang geschieht, ist groß. Denn „wir“ und „die“ mündet schnell in einen ungesunden Wettbewerb untereinander, der eigentlich auf einer anderen Ebene stattfinden sollte — auf der Ebene der Wettbewerber auf dem Markt, der Ebene der Konkurrenz. Der Gegner steht normalerweise außerhalb des eigenen Unternehmens, nicht innerhalb.

Manchmal hat es Sinn, in klar abgegrenzten Bereichen, also in Silos zu denken. Zum Beispiel in der Landwirtschaft. Hier nutzt man Silos, um Futtermittel getrennt vom Düngemittel aufzubewahren. Silos haben hier durchaus Sinn, denn vermischen will man diese beiden grundunterschiedlichen Dinge natürlich nicht. Würden sie vermischt, entstünde ein irreparabler Schaden, der das ganze Projekt aus Säen, Ernten, Füttern und Nahrungsmittelproduktion zerstören würde und damit auch die Lebensgrundlage des Landwirts. Doch moderne Unternehmen sind keine landwirtschaftlichen Betriebe. Sie sind komplex. Nicht umsonst ist die Landwirtschaft Jahrtausende alt, die Industrie erst zwei, drei Jahrhunderte. Kooperieren, delegieren, kommunizieren, auch in seinen modernen Ausprägungen macht Silodenken für Unternehmen im Grunde unmöglich.

“Ideen müssen ausgetauscht werden, um erfolgreich zu sein.”

Klar hat es auch hier Sinn, Strukturen getrennt zu managen, aber eben mit der entsprechenden Durchlässigkeit und Transparenz. Und was in der Landwirtschaft noch immer gut ist und auch immer gut bleiben wird. muss nicht zwingend ein gutes Vorbild für Menschen in Unternehmen sein.
In Unternehmen ist es gewollt, dass sich Ideen vermischen, dass sie diskutiert und weiterentwickelt werden, dass Mitarbeiter kreativ und kooperativ sind und abteilungsübergreifend nach den besten Lösungen für das gesamte Unternehmen suchen — und sich aktiv an deren Umsetzung beteiligen.

In früheren Zeiten, als es noch nicht die neuesten Informations- und Telekommunikationstechnologien gab, war es vermutlich gar nicht so einfach, Ideen auszutauschen. Jedenfalls nicht so leicht wie es heute ist. Damals musste man sich noch mit anderen Menschen unterhalten, sie persönlich treffen und teilweise erhebliche Reiseanstrengungen unternehmen. Heute gibt es Corporate Blogs, Intranets, interne Chats, E-Mail, alles neue Kommunikationswege, die früher nicht zur Verfügung standen. All diese Möglichkeiten sind Ergebnisse der Digitalisierung. Die Digitalisierung macht unsere Kommunikation einfacher und schneller. Natürlich gefällt das nicht jedem Mitarbeiter. Nichtsdestotrotz lässt sich die Digitalisierung nicht ignorieren. Es wird also leichter, miteinander zu kommunizieren, zu kooperieren, zu kollaborieren — über Abteilungsgrenzen, Privilegien und Hoheitsgebiete hinweg. Und es wird von den allermeisten Unternehmen sogar gefordert. Die Digitalisierung hat selbst die letzten Silobastionen zum Einsturz gebracht oder wird sie bald zum Einsturz bringen.

Vermutlich entstehen immer mehr neue Möglichkeiten der Kommunikation. Die Entwicklung geht immer schneller. Die Möglichkeiten entwickeln sich dabei viel rasanter als die Gewohnheiten und Kompetenzen der Menschen, diese zu bedienen. Junge Menschen sind hier klar im Vorteil, da sie bereits mit modernerer Technik aufwachsen. Die Frage ist nun: Ist das gut oder schlecht? Die Antwort darauf ist recht einfach. Sie lautet: weder noch. Es kommt darauf an, wie man diese neuen Möglichkeiten und Kompetenzen nutzt und wie man neue Technologien einsetzt. Setzt man sie ein, um damit weiterhin das Silodenken zu fördern oder nutzt man dies als neue Gelegenheit, den Austausch zwischen den Mitarbeitern im eigenen Unternehmen zu fördern und zu stärken.

“Wer ersteres tut, getreu dem Motto „teile und herrsche“ oder „jedem sein Königreich“ wird von den neuen Kommunikationsinstrumenten und der Digitalisierung kaum profitieren können.”

Wer sie aber nutzt, um das Silodenken zu beenden und sie als Chance begreift, ein nachhaltig kooperatives Miteinander zu initiieren oder zu fördern, kann immense Wachstumssprünge machen — intellektuell und finanziell, in Sachen Innovation, Wachstum und Rendite.

Fakt ist, dass Projekte mit heterogenen Teams, also Mitarbeitern aus verschiedenen Abteilungen, die an der gleichen Thematik arbeiten, wesentlich erfolgreicher sind, als diejenigen, die immer wieder versuchen, Lösungen nur aus ihrer eigenen Abteilung heraus zu schaffen. Denn nichts ist kreativer als einen neuen, externen und unbefangenen Blickwinkel auszuprobieren und so eine neue Sichtweise auf eine Problemstellung zu bekommen. Doch welchen Sinn hat dann noch der Abteilungsleiter? Die Antwort: Die Aufgabe des Abteilungsleiters ist nicht die eines Herrschers, der etwas diktiert, sondern die eines Leiters und Koordinators, der die Mitarbeiter anleitet und Möglichkeiten eröffnet, kreativer arbeiten zu können.

“Letztlich ist ja nicht entscheidend, wie die Mitarbeiter ihre Ziele erreichen, sondern nur, dass sie sie erreichen.“

Wenn die Möglichkeiten bestehen, sie in dieser Zielerreichung schneller und effizienter zu machen, sollte im Unternehmensinteresse von diesen Möglichkeiten auch Gebrauch gemacht werden. Meistens steht nur eines im Weg: das Ego einzelner Führungskräfte oder etablierter Mitarbeiter, die lange für die Position gekämpft haben, die sie jetzt inne haben. nun gilt es also auch dafür Lösungen zu finden, die Egos entweder einzufangen oder einzubinden.

Die Unternehmen, die zukünftig erfolgreich sein werden, sind die, die neue Technologien und damit auch die Digitalisierung für sich zu nutzen wissen und diese richtig einsetzen. Dazu gehört auch, dass Silodenken abgeschafft und durch neue kreative, abteilungsübergreifende Kommunikation ersetzt wird. Silos gehören nur in die Landwirtschaft. Dort haben sie Sinn. In modernen Dienstleistungsunternehmen haben Silos nichts mehr zu suchen. Es lebe der kreative Austausch.

Original erschienen unter: https://andredaus.com/blog/silos-gehoeren-in-die-landwirtschaft/

Unconsultant and Red Team Leader | Contrarian Thinking in critical situations is vital for individuals and organizations alike.

Unconsultant and Red Team Leader | Contrarian Thinking in critical situations is vital for individuals and organizations alike.